„Aktiv vernetzen und Präsenz zeigen“

Die Wiedemann GmbH aus Deggendorf ist für ihre Kerzen weit über Niederbayern hinaus bekannt. Inhaberin Juliane Wiedemann leitet den Familienbetrieb, der Kerzen von 2 Gramm bis 110 Kilogramm in allen Farben und Formen produziert – von der Partykerze bis hin zu kirchlichen Produkten. Wiedemann zählt zu den größten Unternehmen der Branche in Deutschland.

wiedemann

Was sind aus Ihrer Sicht die besonderen Vorteile und Herausforderungen für Frauen, wenn sie einen bestehenden Betrieb übernehmen, statt neu zu gründen?

Die Übernahme eines bestehenden Unternehmens bietet Stabilität, gewachsene Strukturen und erfahrene Mitarbeitende – zugleich aber auch Erwartungen und Traditionen, die man respektvoll weiterentwickeln muss. Für Frauen liegt die Herausforderung oft darin, Bewährtes zu hinterfragen und dennoch Vertrauen zu erhalten. Der Vorteil ist: Man kann auf einer starken Basis gestalten, ohne bei Null zu beginnen.

Haben Mitarbeiter oder Geschäftspartner an Sie als junge Frau andere Erwartungen als an ältere männliche Unternehmer?

Ja, durchaus. Als junge Frau wird Kompetenz anfangs manchmal stärker hinterfragt. Gleichzeitig erlebe ich aber auch Offenheit und Neugier. Entscheidend ist, mit Fachlichkeit aufzutreten – dann relativieren sich Unterschiede schnell.

Welche Bedeutung haben Netzwerke und Zugänge zu Kapital oder Institutionen für Unternehmerinnen – bestehen aus Ihrer Sicht Hürden?

Netzwerke sind essenziell, gerade für Unternehmerinnen. Sie bieten Austausch, Sichtbarkeit und Unterstützung. Zugänge zu Kapital und Entscheidungsgremien sind zwar besser geworden, aber noch nicht selbstverständlich gleich verteilt. Umso wichtiger ist es, sich aktiv zu vernetzen und Präsenz zu zeigen.

Gab es unternehmerische Entscheidungen, bei denen Sie bewusst einen „weiblichen“ Weg gegangen sind?

Ich würde eher von einem persönlichen als von einem „weiblichen“ Weg sprechen. Da ich selbst zwei kleine Kinder habe, ist mir das Thema Vereinbarkeit sehr präsent. Entsprechend ermögliche ich Müttern – und grundsätzlich allen Mitarbeitenden – ein hohes Maß an Flexibilität bei der Einteilung ihrer Arbeit. Das geht natürlich auch nicht in allen Bereichen gleich. Ich bin ein sehr sozialer und empathischer Mensch und mir ist wichtig, dass im Unternehmen eine Kultur von Herzlichkeit, Vertrauen und gegenseitiger Rücksichtnahme gelebt wird. Diese Haltung resultiert für mich weniger aus dem Geschlecht als aus meiner Persönlichkeit und meinen eigenen Werten.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach ändern, damit mehr Frauen ihr unternehmerisches Potenzial entfalten können?

Es braucht verlässliche Rahmenbedingungen, insbesondere bei der Vereinbarkeit von Unternehmertum und Familie. Vor allem aber müssen Frauen sich selbst häufiger zutrauen, Verantwortung zu übernehmen – und darin bestärkt werden. Für mich gehört es zur Normalität, dass Beruf und Familie sichtbar zusammenkommen: Ich habe beispielsweise nicht selten Teammeetings mit meinem kleinen Sohn auf dem Schoß. Solche Situationen sollten kein Ausnahmefall mehr sein, sondern selbstverständlicher Teil einer modernen Arbeitswelt.

Wiedemann GmbH

Die Wurzeln reichen bis ins Jahr 1861. In sechster Generation entwickelt und produziert der Betrieb in Deggendorf hochwertige Kerzen „Made in Germany“. 75 Mitarbeiter beliefern europaweit Geschäftskunden und verbinden Tradition und industrielle Fertigung.