Frauen stellen mit 65-70 Prozent die Mehrheit der Beschäftigten im deutschen Einzelhandel. Beraten und verkaufen Frauen einfach besser?
Ich bin eigentlich kein Freund von Schubladendenken. Im Einzelhandel sind jedoch Fähigkeiten gefragt, die vielen Frauen liegen: Kommunikationsstärke, Empathie und auch ein gutes Gespür für Ästhetik. Und: Die Arbeitsplätze sind meist regional und zeitlich gut mit dem Familienleben abstimmbar.
Frauen nehmen im Handel auch fast 40 Prozent der Führungspositionen in erster Ebene ein. Warum so viel mehr als beispielsweise in anderen Branchen? Können Frauen besser mit Frauen?
Leider sind es immer noch „nur 40 Prozent“ – selbst im Einzelhandel. Viele Handelsunternehmen haben flexible Arbeitsmodelle auch für Leitungspositionen eingeführt wie etwa geteilte Filialleitung oder flexible Schichtmodelle. Das erleichtert gerade Frauen mit Familienverantwortung den Aufstieg.
Sie sind selbst Unternehmerin und Mutter einer neunjährigen Tochter. Wie vereinbaren Sie die Aufgaben? Haben Sie Tipps für andere weibliche Führungskräfte?
In Familien mit eigenem Unternehmen funktioniert der Alltag meistens etwas anders. Einfach ist es nicht, aber wir versuchen uns bewusst Zeiten für das Familienleben zu reservieren. Tipps möchte ich keine geben, aber einen Appell anbringen: Trauen Sie sich eine Führungsposition zu! Wer als Frau eine Familie hat und Termine, Haushalt und Arbeitsleben managen kann, der kann auch eine Führungsposition übernehmen – die Aufgaben unterscheiden sich oft gar nicht so sehr voneinander, es ist einfach Organisationstalent gefragt.
Digitale Tools, SocialMedia-Kanäle oder andere technische Hilfsmittel sind heute unerlässlich, um erfolgreich zu sein. Wie denken Sie über das Klischee „Frauen fremdeln mit Technik“?
Das kann ich nicht bestätigen. Selbst Frauen, die nicht in einer digitalen Welt mit Handy und Social-Media groß geworden sind, nutzen diese ganz selbstverständlich und in gleichem Maße wie Männer. Vielleicht werden Social-Media-Kanäle in unserem Bereich sogar noch stärker von Frauen genutzt und bespielt – das zeigt zumindest die Geschlechterverteilung unserer Follower – zu 80 Prozent weiblich und technisch hoch affin.
Ein anderes Klischee, das sich hartnäckig hält: Frauen sind „weicher“ im Umgang mit Kunden und Mitarbeitern und daher finanziell weniger erfolgreich.
Es gibt viele Klischees im Zusammenhang mit Unternehmerinnen, das wird mir immer wieder bewusst. Sind Frauen „weicher“? Typsache! Man kann es jedenfalls lernen, gegenüber Kunden, Mitarbeitern und Lieferanten selbstbewusst aufzutreten und dabei seine Position sachlich und klar zu vertreten.
Vor die Wahl gestellt: Würden sie sich heute wieder für den Weg als Unternehmerin entscheiden?
Uneingeschränkt ja. Es ist nicht immer einfach, allen Anforderungen gerecht zu werden und die Selbständigkeit birgt Risiken, denen man sich in einem Arbeitsverhältnis nicht stellen muss. Auch das Arbeitspensum ist nicht zu unterschätzen. Im Gegenzug hat man die Freiheit, seinen Arbeitsalltag selbst zu gestalten und Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen. In unserem Fall kann man sich immer mal die nötige Zeit für die Familie nehmen.