Welche Fähigkeiten und Haltungen unterscheiden heute einen guten Auszubildenden von einem lediglich formal geeigneten Bewerber — und welche davon lassen sich im klassischen Auswahlverfahren kaum erkennen?
Ein guter Auszubildender zeichnet sich heute vor allem durch Lernbereitschaft, Eigenverantwortung und echtes Interesse am Beruf aus. Fachliche Grundlagen lassen sich entwickeln – entscheidend ist die Haltung.
Wer neugierig ist, Zusammenhänge verstehen will und aktiv mitdenkt, bringt die besten Voraussetzungen mit. Gerade diese Eigenschaften sind im klassischen Auswahlprozess allerdings schwer zu erkennen. Noten und Lebensläufe sagen wenig über Durchhaltevermögen, Selbstorganisation oder Teamfähigkeit im Alltag aus. Hier helfen frühzeitige Praxiseinblicke wie Praktika oder Probearbeitstage, Kooperationen mit Schulen – weit mehr als reine Bewerbungsverfahren.
Viele Betriebe beklagen mangelnde Ausbildungsreife. Ist dies tatsächlich ein Qualitätsverlust der Bewerbergeneration — oder offenbart sich darin eher ein Wandel der Erwartungen auf Unternehmensseite?
Wir sehen vor allem einen Wandel der Anforderungen. Die Tätigkeiten, gerade in einem technologiegetriebenen Unternehmen wie Knorr Bremse, sind komplexer geworden. Hinzu kommt aber auch eine schleichende „Entwertung” der Schulabschlüsse, wie Quali und Mittlere Reife. Diese mündet in einem abnehmenden Bildungsniveau der Schüler und erschwert zunehmend eine hochwertige
Ausbildung. Als Folge daraus mussten wir in diesem Jahr erstmals Nachhilfeunterricht in MINT-Fächern für unsere neuen Azubis anbieten. Ob wir das als mangelnde Ausbildungsreife oder zu große Erwartung unternehmensseitig deklarieren, sei dahingestellt, wichtig ist, das im Sinne aller in Angriff zu nehmen.
Gleichzeitig bringen viele junge Menschen heute wertvolle Stärken mit, etwa digitale Kompetenzen und Offenheit für Neues. Unsere Aufgabe ist es, diese Potenziale gezielt zu entwickeln durch strukturierte Ausbildung, durch gezielte Entwicklung als Jungfacharbeiter aber auch durch weiterführende externe Qualifizierungsangebote, beispielsweise in Zusammenarbeit mit der IHK Niederbayern.
Welche Fehler können Unternehmen Ihrer Ansicht nach im Umgang mit Auszubildenden vermeiden?
Ein häufiger Fehler ist aus unserer Sicht, Auszubildende zu wenig zu begleiten oder sie zu früh sich selbst zu überlassen. Ausbildung bedeutet Führung – gerade am Anfang braucht es klare Strukturen, Feedback und Orientierung.
Ebenso problematisch ist es, Azubis nur als „mitlaufende Arbeitskräfte“ zu sehen. Wer Ausbildung ernst nimmt, muss Zeit investieren, Lernziele klar definieren und entscheidend ist meiner Meinung nach auch die Qualität der übertragenen Aufgaben.
Wie verändert die Digitalisierung die berufliche Souveränität: Geht es künftig stärker um Wissensbesitz oder um Urteilsfähigkeit im Umgang mit permanent verfügbarer Information?
Berufliche Souveränität bedeutet heute vor allem Urteilsfähigkeit. Wissen ist jederzeit verfügbar. Entscheidend ist, Informationen richtig einzuordnen, zu bewerten und sicher anzuwenden.
Deshalb legen wir bei Knorr Bremse Wert darauf, schon in der Ausbildung die Grundlagen für lebenslanges Lernen zu schaffen und diese durch gezielte Weiterbildungsformate kontinuierlich auszubauen.
Viele Betriebe werben mit Benefits und Wohlfühlkultur um Nachwuchs. Besteht die Gefahr, dass Betriebe den eigentlichen Kern von Ausbildung — Leistung, Verbindlichkeit und fachliche Exzellenz — zu defensiv vertreten?
Benefits sind ein Teil moderner Arbeitgeberattraktivität, ersetzen aber nicht den Kern von Ausbildung und sind sicher nicht entscheidend. Bei uns steht fachliche Qualität klar im Mittelpunkt.
Gleichzeitig zeigen wir Perspektiven auf: Wer Leistung bringt, erhält bei uns vielfältige Möglichkeiten zur Weiterentwicklung – auch unmittelbar im Anschluss an die Ausbildung. Das ist für viele junge Menschen ein entscheidender Faktor.
Welche Missverständnisse bestehen aus Ihrer Sicht zwischen jungen Berufseinsteigern und erfahrenen Führungskräften und wie lassen sie sich produktiv auflösen?
Zentrale Missverständnisse betreffen die Themen Erwartung und Selbständigkeit. Führungskräfte erwarten schnell eigenständiges Handeln, während sich Berufseinsteiger mehr Anleitung und Unterstützung wünschen. Zugleich wird Feedback unterschiedlich verstanden, junge Menschen erwarten häufig kontinuierliche Rückmeldung, während ältere Führungskräfte Feedback punktuell geben. Die Lösung liegt in regelmäßiger klarer Kommunikation in beide Richtungen.
Ist der Fachkräftemangel auch ein Führungs- und Qualifizierungsproblem der Unternehmen selbst?
Der Fachkräftemangel ist aus unserer Sicht auch eine Frage der unternehmerischen Verantwortung. Wer konsequent zielgerichtet ausbildet und weiterqualifiziert, schafft sich seine Fachkräfte selbst. Knorr Bremse verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, von der klassischen Ausbildung über interne Qualifizierungsmaßnahmen bis hin zu Umschulungen in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit. Diese Verzahnung stärkt die eigene Fachkräftebasis.
Welche Rolle spielt Fehlerkultur in der Ausbildung in einer Arbeitswelt, die immer komplexer und schneller wird?
Eine gelebte Fehlerkultur ist die Grundlage für Entwicklung. Lernen entsteht nur, wenn man Dinge ausprobiert und reflektiert. Leider wird der zeitliche Rahmen für „Fehler“ immer weiter eingegrenzt, zu viele Inhalte behindern den Übungsgrad.
Wenn Sie die betriebliche Ausbildung der kommenden zehn Jahre mit einem einzigen Leitgedanken neu entwerfen könnten: Worauf würden Sie den Schwerpunkt legen — Fachwissen, Anpassungsfähigkeit, Charakterfestigkeit oder etwas ganz anderes?
Entscheidend ist die Fähigkeit, sich neues Wissen zu erschließen und sich weiterzuentwickeln. Deshalb verstehen wir Ausbildung als Ausgangspunkt eines langfristigen Lernprozesses, unterstützt durch interne Programme und externe Partnerschaften. „Stay curious“, also „bleib wissbegierig“, würde ich sagen.
Ihr Fazit: Was macht gute Ausbildung aus Ihrer Sicht heute wirklich aus?
Gute Ausbildung umfasst die ganzheitliche fachliche und persönliche Entwicklung, um gefestigt in die Arbeitswelt der Zukunft zu starten.